Wanderritt in Marokko – Tag 3

Tag 3: Von Massa nach Talaainte Oufella – Galopp in der Steinwüste, Tajine unterm Arganbaum, Anti-Atlas am Horizont

Der Wanderritt in Marokko geht weiter. Der zweite Reittag führt uns vom Atlantik ins Landesinnere.

Morgendämmerung: wieder der Muezzin – und wieder dieses „Wir sind wirklich hier“

Früh am Morgen wurden wir – wie in den letzten Tagen – vom Ruf des Muezzin geweckt. Noch bevor der erste richtige Tageslärm beginnt, liegt dieser Klang über allem: ruhig, bestimmt, fast wie ein akustischer Startschuss für die Stadt.

Ich habe versucht, diese Stimmung in einem Video einzufangen, weil man sie schwer erklären kann. Es ist weniger „laut“ als „präsent“. Und die Frage, ob das stört, kann ich inzwischen klar verneinen. Wenn man in andere Länder reist, gehört Respekt vor anderen Kulturen einfach dazu – und manchmal ist genau so ein Moment das, was einem am stärksten im Gedächtnis bleibt.

Frühstück – und währenddessen wird schon „abfahrbereit“ gemacht

Nach dem Frühstück ging es wie üblich zügig los. Das Team hatte während wir gegessen haben die Pferde schon so weit wie möglich vorbereitet. Dieses eingespielte Zusammenspiel ist Gold wert: kein hektisches Gewusel, keine unnötigen Wartezeiten – man steigt auf, richtet sich kurz ein, und der Tag beginnt, bevor man ihn wirklich „zerdenken“ kann

Erstes Licht, erste Anhöhe: Wüste – aber ganz anders als man sie im Kopf hat

Zuerst ging es auf eine kleine Anhöhe. Von dort oben konnten wir die Umgebung gut überblicken – eine Landschaft, die wüstenähnlich anmutet, aber nicht so, wie viele es sich vorstellen.

Denn hier ist die „Wüste“ nicht dieses endlose Dünenmeer aus Reiseprospekten. Sie ist vor allem steinig: eine Reg-Landschaft – wie ein natürliches Pflaster aus Kies und Geröll, dazwischen einzelne Büsche. In der Sonne wirkt das alles noch karger und weiter, weil kaum etwas die Fläche „bricht“.

Und genau daraus entsteht dieses besondere Reitgefühl:
Weite Ebenen laden zu Tempo ein – und gleichzeitig muss man immer wieder die Linie anpassen, weil Büsche, kleine Rinnen oder sandigere Flecken auftauchen.

Vormittag in der Reg-Steinwüste: Galoppaden mit „Haken schlagen“

Immer wieder bot sich die Gelegenheit zum Galoppieren. Es waren diese langen, schnellen Passagen durch offene Ebenen – und dann plötzlich ein Richtungswechsel, ein Ausweichen, ein Haken schlagen um die nächste Buschgruppe. Ein Rhythmus, der fast spielerisch wird: vorwärts, Linie suchen, kurz korrigieren, wieder vorwärts.

Je weiter wir ritten, desto offener wurde das Gelände. Gleichzeitig traten vermehrt sandige Passagen auf, die wir im Schritt durchritten. Diese Wechsel machen die Landschaft lebendig: Es ist nicht „ein Untergrund“, sondern ein ständiges Umschalten zwischen hartem Kiesfeld, staubiger Zwischenzone und weichem Sand.

Unterwegs tauchten immer wieder kleine Dörfer auf – meist am Rand, manchmal nur ein paar Häuser, manchmal etwas größer. Wir passierten sie in der Regel außen herum und wurden dabei oft neugierig beäugt. So viele Touristen kommen hier nicht her. „Marhaba“ (das bedeutet soviel wie Hallo) ging uns inzwischen erstaunlich leicht über die Lippen, und oft kam ein Lächeln zurück – dann blieb das Dorf hinter uns, fast so schnell, wie es aufgetaucht war, im Staub der Wüstensonne.

Hier Mal drei unterschiedliche Arten von Ortschaften die wir im Tagesverlauf durchritten

Mittagsrast: Schatten, Arganbaum – und Tajine als echtes Highlight

Gegen Mittag erreichten wir den Ort, an dem unser LKW bereits auf uns wartete. Im Schatten eines Arganbaums war die Mittagsrast aufgebaut – und dieser Schatten fühlte sich in der offenen Landschaft an wie ein kleines Privileg.

Außer vereinzelten Dattelpalmen wächst hier sonst kaum etwas. Umso stärker wirkt alles, was grün ist. Umso mehr schätzt man jeden Baum.

Wie gewohnt gab es Fladenbrot mit Öl und Salz und den Salat – aber heute kam als warmes Gericht eine Tajine dazu, typisch marokkanisch und in der Region tief verwurzelt. Dieses Essen passt so gut zu so einem Reittag: kräftig, würzig, langsam gegart – und plötzlich ist man nicht nur „unterwegs“, sondern wirklich mittendrin. Danke noch einmal an die Köchin: Das war genau der richtige Moment für genau dieses Gericht.

Nachmittags: Richtung Osten – und der Anti-Atlas rückt näher

Nach der Pause machten wir uns wieder auf den Weg, immer in Richtung Osten. Am Horizont wurden die Berge des Anti-Atlas stetig deutlicher. Erst sind sie nur eine dunkle Linie. Dann werden daraus Kanten. Dann echte Formen. Und irgendwann ist es nicht mehr „da vorne“, sondern „gleich da“.

Dieser Effekt ist schwer zu beschreiben, aber man spürt ihn im Sattel: Man reitet stundenlang durch Weite – und plötzlich bekommt diese Weite einen Rahmen.

Später Nachmittag: ohne es zu merken zurück zum Oued Massa

Gegen Abend durchquerten wir noch einmal das Tal des Oued Massa, dem wir bereits gestern begegnet waren. Und erst da wurde uns klar: Ohne es zu wissen, waren wir den Tag über in einem großen Bogen parallel zum Fluss geritten.

Dieser Wechsel ist immer wieder faszinierend: Eben noch Stein, Staub, Büsche – und dann plötzlich dieses grünere Band entlang des Wassers. Als würde jemand einen Pinselstrich in die Landschaft ziehen.

Ankunft in Talaainte Oufella: Dorf am Fuß des Anti-Atlas

Dann erreichten wir Talaainte Oufella, ein kleines Dorf am Fuße des Anti-Atlas. Nach so vielen Kilometern fühlt sich Ankommen nicht an wie „Ziel erreicht“, sondern wie ein leises Ausatmen: absteigen, Pferde versorgen, kurz den Staub abklopfen – und dann langsam wieder Mensch werden.

Nach dem Abendessen, das unsere Köchin wieder vorzüglich gezaubert hat, saßen wir noch lange am Lagerfeuer zusammen. Reden, lachen, in die Glut schauen – und irgendwann merken: Genau dafür macht man solche Reisen.

Beschreibung des Bildes

Wenn ich diesen Tag in ein Bild fassen müsste, wäre es die weite Steinwüste im Vormittagslicht – offen, still, und doch voller Bewegung, sobald die Pferde Tempo aufnehmen. Zwischen schnellen Galoppaden, staubigen Dorfbegegnungen und dem ersten echten „Berge kommen näher“-Moment hatte der Tag genau diese Mischung aus Abenteuer und Alltag, die einen Wanderritt so besonders macht. Und spätestens als wir abends am Lagerfeuer saßen, war klar: Wir sind nicht mehr „angereist“ – wir sind mittendrin.

Tagesdaten

  • Strecke: 37,8 km
  • Reitzeit: 6:12:08
  • Mittagspause: 1:45

Wüstenarten in Marokko – und warum wir heute meist durch eine Reg geritten sind

Wenn man „Wüste“ hört, denken viele zuerst an Dünen. In Marokko gibt es diese Dünenlandschaften – aber sie sind nur ein Teil des Bildes. Auf unserem Ritt in der Region Souss-Massa begegnen uns wüstenhafte Landschaften vor allem dort, wo Stein, Kies und Weite dominieren – und nicht Sandberge.

1) Erg – Sandwüste / Dünenmeer

Das sind die berühmten Dünenlandschaften, das klassische „Sahara-Postkartenmotiv“. Sand dominiert, die Oberfläche ist in Bewegung, der Wind formt ständig neu. Wer Dünen erwartet, hat meist genau dieses Bild im Kopf.

2) Reg – Kies- und Schotterwüste („desert pavement“)

Genau das prägt viele unserer Etappen:

Ein Reg (im Westsahara-Kontext auch als desert pavement bezeichnet) ist eine weite, flache Stein- und Kiesfläche, auf der die Oberfläche wie ein „Pflaster“ aus eng aneinander liegenden Steinen wirkt – oft auf Schwemmfächern und Ebenen.

Wie entsteht so ein „Steinpflaster“?

Die gängigste Erklärung ist das Prinzip der Lag-Ablagerung: Wind (Deflation) und gelegentlich Wasser entfernen über lange Zeit feine Partikel (Staub, Sand, Schluff). Zurück bleiben die gröberen Steine – der „Rest“ bildet die Pflasterdecke.
Wichtig: Sobald dieses Pflaster erst einmal geschlossen ist, schützt es den Boden darunter teilweise – es bremst weitere Abtragung, weil der Wind die feinen Partikel nicht mehr so leicht „greifen“ kann. Unter dem Steinteppich sammelt sich dann oft feineres Material und bildet eine eigene, luftbläschenreiche Bodenschicht (in der Bodenkunde häufig als „vesicular“ beschrieben).

Warum sind die Steine oft dunkel? (Wüstenlack / Desert varnish)

Viele Reg-Flächen wirken oben dunkelbraun bis fast schwarz. Das kommt häufig von Wüstenlack: einer sehr dünnen, über lange Zeit entstehenden Beschichtung, die vor allem Tonminerale sowie Eisen- und Manganoxide enthält.
Das ist einer der Gründe, warum Reg-Landschaften „alt“ und „hart“ aussehen – selbst wenn daneben Sandfelder viel „bewegter“ wirken.

Wie fühlt sich ein Reg beim Reiten an?

Für euch (und für den Leser) ist genau das spannend, weil es erklärt, warum eure Etappen sich so „wüstenhaft“ anfühlten, obwohl kaum Dünen da waren:

  • Untergrundcharakter: häufig hart bis federnd, je nachdem wie dicht das Kiespflaster liegt und wie viel Feinsediment darunter steckt.
  • Tempo-Wechsel: Reg lädt zu langen, schnellen Galoppaden ein – bis plötzlich Büsche, kleine Rinnen oder weichere Sandflecken auftauchen, die Tempo rausnehmen (genau euer „schnell – ausweichen – wieder schnell“).
  • Sandige Passagen mitten drin: Reg ist selten „einheitlich“. Zwischen Kiesfeldern liegen immer wieder Sandlinsen oder weichere Abschnitte, die man (v. a. aus Pferdesicht) besser im Schritt nimmt.

Ökologie in einem Satz: „Karg“ heißt nicht „leer“

Auch wenn es nach „Stein und sonst nichts“ aussieht: In vielen Reg-Gebieten gibt es punktuell Vegetation (Sträucher, Dorngehölze), vor allem dort, wo sich Feuchtigkeit minimal hält (z. B. in Mulden, an Oueds oder an kleinsten Geländekanten). Reg ist damit oft die Bühne für genau diese Kontraste: weite Steinflächen – und plötzlich ein grüner Saum am Flusslauf.

Kleiner Perspektivwechsel: Reg ist die häufigere „Sahara-Wüste“

Viele stellen sich Sahara automatisch als Dünenmeer vor. Tatsächlich sind Dünenfelder (Ergs) nur ein Teil; große Bereiche bestehen aus Regs und Hamadas – also Stein- und Felswüsten.

3) Hamada – Felswüste / Plateaus

Noch „härter“ als Reg: mehr nackter Fels, weniger Kies. Sehr karg, sehr roh – und je nach Abschnitt oft unnachgiebig. Hamadas wirken wie eine steinerne Bühne ohne viel Zwischenraum.

4) Oued-/Wadi-Landschaften – die grünen Korridore

Flussläufe schaffen Vegetationsbänder – manchmal dauerhaft, manchmal saisonal. Deshalb kann eine Etappe von „steiniger Trockenheit“ in „plötzlich grün“ wechseln. Genau so erleben wir es, wenn wir wieder in die Nähe des Oued Massa kommen: Als würde sich eine grüne Linie durch die karge Landschaft ziehen.

Arganbaum – der Baum Südwest-Marokkos

Der Arganbaum ist ein echtes Symbol dieser Region. Er wächst dort, wo viele andere Bäume längst aufgeben würden – und prägt ganze Landschaften im Südwesten Marokkos.

Warum er so besonders ist:

  • Er ist extrem trockenheitsresistent und kann sich an harte Bedingungen anpassen.
  • Er steht oft einzeln oder in lockeren Beständen – und jeder einzelne Baum wirkt dann wie eine Insel.

Typisches Bild (und oft ein Reise-Klassiker):
Man sieht in manchen Gegenden sogar Ziegen, die in Arganbäumen klettern – ein kurioses, aber bekanntes Motiv aus Südmarokko.

Arganöl – Küche, Kosmetik und echtes Handwerk

Arganöl wird sowohl kulinarisch als auch kosmetisch genutzt – je nach Verarbeitung.

Kulinarisches Arganöl:

  • hat oft ein nussiges Aroma (typisch durch geröstete Kerne)
  • wird zum Verfeinern verwendet, nicht zum „scharfen Braten“

Kosmetisches Arganöl:

  • wird meist anders verarbeitet (geruchlich neutraler)
  • beliebt für Haut- und Haarpflege

Regionaler Klassiker:
Amlou – ein marokkanischer Brotaufstrich aus Mandeln, Honig und Arganöl – ist in Südmarokko sehr verbreitet (oft zum Frühstück oder zum Tee).

Tajine – Topf und Gericht in einem

„Tajine“ meint sowohl den Tontopf als auch das Gericht. Der konische Deckel sorgt dafür, dass Dampf zirkuliert und wieder zurück ins Essen tropft – ideal für langsames Schmoren.

Warum das nach einem Reittag perfekt passt:

  • kräftig, aromatisch, sättigend
  • wird langsam gegart und schmeckt oft „rund“, weil Gewürze Zeit bekommen
  • typisch für marokkanische Alltagsküche – und gleichzeitig jedes Mal ein bisschen anders

Anti-Atlas – der Gebirgsrahmen am Rand zur Sahara

Der Anti-Atlas bildet im Süden Marokkos einen markanten Gebirgszug und wirkt wie eine natürliche Schwelle zwischen Küsten-/Talräumen und den trockeneren Regionen Richtung Sahara.

Warum er auf eurer Etappe so beeindruckend war:

  • In offener, flacher Landschaft taucht ein Gebirge erst als Linie auf – und wird dann kilometerweise „größer“, bis es plötzlich dominant im Bild steht.
  • Genau dieser langsame Übergang macht die Annäherung so intensiv: Man reitet nicht „hin“, man merkt irgendwann: Jetzt ist er da.

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