Wanderritt in Marokko – Tag 5

Tag 5 · Von Douar Sidi Ali nach Zaouit Aglou

Der Wanderritt in Marokko geht weiter. Wir machen uns auf den Weg in südöstliche Richtung.

Ein Tag voller Landschaftswechsel – und ein Vollmond, der perfekt timing hatte

Nach dem Frühstück im Hotel wartete das Fahrzeug schon auf uns. Ein angenehmer Luxus: Die Koffer konnten wir im Hotel lassen, denn wir würden später wieder hierher zurückkommen. Auch heute wurden wir am Checkpoint einfach durchgewunken, und nach kurzer Fahrt standen wir wieder dort, wo unser Tag eigentlich beginnt: bei den Pferden.

Ruhiger Start: Schritt durch Douar Sidi Ali

Der Vormittag begann ganz entspannt im Schritt. Wir durchquerten den Ort Douar Sidi Ali, in dessen Nähe die Pferde übernachtet hatten.

Erste Galoppmomente – und dann plötzlich ein Wäldchen im Sand

Kaum hatten wir den Ort hinter uns gelassen, boten sich auch schon die ersten Möglichkeiten für den einen oder anderen Galopp.

Und dann kam wieder so ein marokkanischer Szenenwechsel, der sich fast wie ein Schnitt im Film anfühlt:

Wo eben noch offene Wüste war, ritten wir plötzlich durch ein kleines Wäldchen. Nicht Wald, wie man ihn aus Europa kennt – keine dichten Kronen, kein „unter dem Blätterdach laufen“. Eher Bäume, die im Sand stehen, mit Abstand, Luft und Licht dazwischen. Und genau dadurch wirkt es so ungewöhnlich: Waldgefühl ohne Waldgeruch, Baumreihe ohne Schattenmeer.

Je weiter wir nach Süden kamen, desto lichter wurden die Bäume. Irgendwann standen nur noch einzelne Exemplare, kleiner im Wuchs, bis sie fast in Büsche übergingen. Dann verschwanden auch diese – und wir waren wieder zurück in der Wüste. Als hätte die Landschaft kurz ausprobiert, wie „grün“ sie sein kann, und sich dann wieder für „weit“ entschieden.

Ein verlassenes Dorf: Ruinen, Staub und ein Hauch Geschichte

Kurz vor der Mittagspause erreichten wir ein Dorf, das schon viele Jahrzehnte verlassen war. Dort lag etwas in der Luft, das man schwer beschreiben kann: nicht gruselig, eher still. Ein Hauch von Geschichte, der durch die Ruinen weht.

Wir ritten durch die Reste der Gebäude, und unser Guide erklärte uns das eine oder andere dazu. „Wir sind jetzt im Land der Berber“, sagte er – und in diesem Moment bekam die Landschaft plötzlich eine zweite Ebene: Nicht nur Geografie, sondern auch Kulturraum.

Hier noch zwei Videos die das Dorf zeigen

Mittagspause: Team-Routine und ein Essen, das jedes Mal überrascht

Dann erreichten wir auch schon unseren Mittagspausenplatz. Das Team wartete bereits, und die Köchin hatte wieder ein Menü gezaubert, das genau das ist, was man nach einem langen Vormittag im Sattel braucht: warm, sättigend, würzig – und mit dieser Selbstverständlichkeit serviert, als wäre das hier das Normalste der Welt.

Nachmittags: Oasenfeeling ohne sichtbares Wasser

Nach der Pause ging es weiter – und erneut änderte sich die Landschaft. Die eben noch so offene Wüste war nun gesäumt von Büschen und Palmen. Es kam fast so ein Oasen-Gefühl auf, auch wenn keine sichtbare Wasserstelle in der Nähe war. Vielleicht ist es genau das, was diese Region so spannend macht: Man sieht nicht immer, warum es irgendwo grüner ist – man spürt nur, dass es so ist.

Steiniger Boden und Windarbeit: wenn der Atlantik die Oberfläche „freilegt“

Kaum hatten wir die Palmen hinter uns gelassen, wurde der Boden zusehends steiniger. Hier hatte der Wind vom Atlantik – der Nordostpassat – offenbar ganze Arbeit geleistet: Die oberste Sandschicht wirkt wie weggeblasen, und übrig bleibt das, was schwerer ist: Kies, Steine, eine Art natürliches „Pflaster“. Genau diese Flächen haben wir in den letzten Tagen immer wieder erlebt – sie fühlen sich wüstenhaft an, ohne dass man eine einzige große Düne sehen muss.

Sonnenuntergang im Camp – und der Vollmond als perfekter Abschluss

Pünktlich zum Sonnenuntergang erreichten wir den Ort, an dem die Pferde über Nacht bleiben würden. Während wir im Camp zu Abend aßen, ging hinter den Pferden bereits der Vollmond auf – so ruhig und klar, dass es fast unwirklich wirkte. Einer dieser Momente, in denen man nichts fotografieren „muss“, weil man sowieso weiß, dass man ihn behalten wird.

Trotzdem haben wir natürlich versucht den Moment einzufangen:

Später brachten uns die Autos zurück nach Tiznit. Und so ging ein schöner Tag zu Ende: mit Staub auf den Schuhen, Mondlicht im Kopf und dem Gefühl, dass diese Reise immer mehr ihren eigenen Rhythmus gefunden hat.

Etappendaten

  • Strecke: 33,7 km
  • Reitzeit: 5 Stunden und 22 Minuten
  • Mittagspause: 1 Stunde 30

Berber (Amazigh) – Kulturraum, Sprache und Identität in Marokko

Begriff & Selbstbezeichnung
„Berber“ ist ein im Deutschen verbreiteter Sammelbegriff. Viele Menschen verwenden für sich selbst die Bezeichnung Amazigh (Plural Imazighen), häufig übersetzt als „freie Menschen“. Im marokkanischen Kontext begegnet einem dieser Begriff im Alltag, in Kulturprojekten und inzwischen auch offiziell deutlich häufiger.

Wo wir ihnen begegnen
In Marokko sind Amazigh-Kulturräume besonders präsent in Gebirgs- und Randregionen (Atlas-Gebirge, Anti-Atlas, Rif) sowie in südlicheren Übergangszonen. Man merkt das nicht nur an Kleidung oder „Folklore“, sondern viel stärker an Dingen, die unterschwellig sind: Ortsnamen, Bauformen, Landwirtschaftsmuster, Handwerk, Sprache auf Schildern oder in Gesprächen.

Sprache(n): nicht „eine“, sondern mehrere Varianten
Amazigh-Sprachen gehören zur afroasiatischen Sprachfamilie und existieren in Marokko in mehreren regionalen Varianten (z. B. Tashelhit/Shilha im Süden, Tamazight im Mittleren Atlas, Tarifit im Rif). Wichtig ist: Das ist kein exotisches Randthema, sondern gelebter Alltag – gerade abseits der großen Städte.

Schrift & Sichtbarkeit
In Marokko ist Amazigh als Amtssprache anerkannt; dadurch sieht man in vielen Regionen Beschilderung nicht nur auf Arabisch und Französisch, sondern teils auch in Tifinagh (Amazigh-Schrift). Für Reisende ist das ein gutes Indiz: Man fährt nicht nur durch „Landschaft“, sondern durch einen klaren Kulturraum.

Wie wir das erlebet haben
Wenn unser Guide sagt „Wir sind jetzt im Land der Berber“, dann meint er nicht „hier wohnen andere“, sondern: Ab hier erzählen Bauweise, Siedlungsreste, Handwerk und viele Details der Region eine andere Geschichte – eine, die älter ist als moderne Staatsgrenzen und die man auf einem Wanderritt oft unmittelbarer spürt als auf einer Durchreise.

Nordostpassat – der Wind, der Landschaft formt

Was ist der Nordostpassat?
Der Nordostpassat ist ein großräumiger, relativ beständiger Windgürtel der Nordhalbkugel. Er entsteht aus der globalen Zirkulation: Luft sinkt in den subtropischen Hochdruckgebieten ab, strömt bodennah Richtung Äquator und wird durch die Erdrotation (Corioliskraft) nach Westen abgelenkt – daraus wird ein Wind, der häufig aus Nordost kommt.

Warum man ihn an der Atlantikküste und in Küstennähe so „spürt“
An der marokkanischen Atlantikseite trifft dieser Wind auf offene Flächen. Wo kaum Vegetation den Boden bindet, kann Wind sehr effektiv arbeiten: Er nimmt feinen Sand und Staub mit (Deflation), lagert ihn anderswo ab – oder trägt ihn schlicht weg. Zurück bleibt oft das Grobe: Kies und Steine.

Der Effekt, den wir heute im Sattel gesehen haben
Wenn die oberste Sandschicht abgetragen ist, wirkt der Untergrund plötzlich steiniger und „gepanzert“. Das ist kein Zufall, sondern ein typischer Mechanismus in trockenen Landschaften: Feines Material verschwindet, Grobes bleibt – und die Fläche bekommt diesen Reg-Charakter (Kies-/Schotterebene). Genau deshalb kann sich der Boden auf kurzer Strecke so stark verändern, obwohl es „auf der Karte“ dieselbe Wüste ist.

Praktisch für Reiter (und für das Reitgefühl)

  • Offene, tragfähige Flächen laden zu Tempo ein – bis der Untergrund wechselt.
  • Wind kann Staub stark aufwirbeln; Augen/Equipment sind dankbar für Tuch/Brille/Abdeckung.
  • Der Wind erklärt auch, warum sich manche Abschnitte „frisch“ anfühlen, obwohl die Sonne bereits Kraft hat: Temperatur und Windkühlung gehen nicht immer zusammen

Hinweis: Wenn du beim Klick auf „Nächster Etappenbericht“ auf der Startseite landest, ist der nächste Artikel vermutlich noch nicht veröffentlicht.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert