Taschen am Sattel: Balance & Befestigung
Lange Tagesetappen im Wanderreiten bedeuten Gepäck: Regenjacke, Erste-Hilfe-Set, Hufschuh-Ersatz, Wasser, Futter, Fotoausrüstung … Alles muss mit – aber so, dass dein Pferd trotzdem locker laufen kann und du im Sattel nicht „schief“ wirst.
In diesem Artikel geht es darum, wie du Satteltaschen und Gepäck am Pferd so packst und befestigst, dass
- die Balance für dein Pferd stimmt,
- nichts scheuert oder wackelt,
- du wichtige Dinge schnell griffbereit hast
- und du mit ein paar einfachen Knoten alles sicher fixieren kannst.
1. Warum Balance bei Satteltaschen so entscheidend ist
Jedes Kilo, das du an den Sattel hängst, verändert die Last auf dem Rücken deines Pferdes. Solange das Gepäck symmetrisch und nah am Schwerpunkt verteilt ist, kann dein Pferd damit gut umgehen. Wird es aber einseitig, zu hoch oder zu weit hinten, kommt es zu:
- Druckspitzen unter dem Sattel (Scheuerstellen, Verspannungen, Rückenschmerzen)
- Schiefen Bewegungen (Pferd tritt kürzer, stolpert schneller, läuft ungern bergab)
- Instabilität (Gepäck rutscht, Geräusche verunsichern das Pferd)
Merke dir als Leitlinie:
Alles, was du an den Sattel hängst, ist Teil deines „Rucksacks“ – nur eben auf dem Pferderücken. Also genauso sorgfältig planen, wie du deinen eigenen Tourenrucksack packst.
2. Welche Taschen-Arten gibt es – und wo sitzen sie?
Je nach Satteltyp (Englisch, Wander-/Trekking-Sattel, Westernsattel) unterscheiden sich die Befestigungspunkte. Die grundlegenden Taschen-Positionen sind aber ähnlich.
2.1 Vorderzeug-/Vordertaschen (Pommel Bags)
Vordertaschen liegen vorne am Sattel – beim Westernsattel oft links und rechts vom Horn, beim Englisch- oder Wanderreitsattel an den vorderen D-Ringen.
Ideal für: leichtere, aber häufig benötigte Dinge – Handy, Karte, Taschentücher, Riegel, leichte Handschuhe, kleines Messer.
Vorteile:
- Sehr gut im Blick und schnell erreichbar.
- Gewicht relativ nah am Schwerpunkt (vor allem bei Wandersätteln mit tiefem Sitz).
Achtung: Nicht zu weit nach vorne hängen, damit sie die Schulterbewegung nicht stören.
2.2 Hintere Satteltaschen & Cantle-Bags
Hintere Satteltaschen liegen hinter dem Sitz – quer über der Sattelkante (Cantle) oder seitlich hinten.
Ideal für: mittelschwere Dinge wie Regenjacke, Ersatzkleidung, Futterportionen, Hufschuhe, Picknick.
Vorteile:
- Viel Platz, häufig mit eigenen Riemen und Schlaufen.
- Gut geeignet, um Gewicht links/rechts zu paaren.
Achtung: Nicht zu hoch und „turmförmig“ packen – zu hohe Türme machen den Sattel besonders bergab instabil.
2.3 Seitliche Satteltaschen
Seitliche Satteltaschen hängen rechts/links am Sattel, teilweise etwas tiefer.
Einsatz: für leichte bis mittlere Gewichte (z. B. Wasserflaschen, Futter, Regenponcho).
Je weiter von der Mittellinie und je tiefer eine Tasche hängt, desto stärker wirken Hebel und Pendelbewegungen. Also hier besonders auf symmetrische Gewichtsverteilung achten.
2.4 Brustblatt-/Vorderzeug-Taschen
Kleine Taschen, die an Brustblatt oder Vorderzeug befestigt werden können.
Nur für sehr leichte, weiche Dinge: Taschentücher, kleiner Notriegel, leichte Kartenhülle.
Achtung: Die Bewegung der Vorderbeine und Schulter darf auf keinen Fall eingeschränkt werden. Taschen am Brustblatt sollten schmal, weich und wirklich leicht sein.
2.5 Rolle hinter dem Sitz (Schlafsack, Jacke, Mantel)
Eine quer liegende Rolle hinter der Sattelkante, mit Riemen befestigt.
Ideal für: voluminöse, aber relativ leichte Dinge – Schlafsack, Isomatte, gefaltete Decke oder Regenmantel.
Achtung: Gut komprimieren und wirklich fest fixieren – Rollen sind prädestiniert zum Rutschen.
3. Goldene Regeln der Gewichtsverteilung
Stell dir deinen Sattel von oben betrachtet wie eine Waage vor. Jedes Teil, das du an die linke Seite hängst, braucht auf der rechten Seite ein Gegenstück.
3.1 Regel 1: Symmetrie ist Pflicht
- Alles, was links dranhängt, sollte rechts ein ähnliches Gewicht haben.
- Nutze eine Küchenwaage, um beide hinteren Satteltaschen zu wiegen.
- Besonders kritisch: Wasserflaschen, Metallteile (Werkzeug), Futterdosen.
3.2 Regel 2: Schweres nach unten & nah an die Mitte
- Schwere Dinge möglichst nah am Pferd und tief anbringen – in den unteren Bereichen der Satteltaschen.
- Direkt hinter dem Reiter eher mittel-schwere, gut abgepolsterte Gegenstände.
- Hufschuhe, Werkzeug etc. möglichst nah an der Sattellinie, nicht weit außen baumeln lassen.
3.3 Regel 3: Alles, was baumelt, ist ein No-Go
- Lose, pendelnde oder klappernde Teile sind Störfaktoren – für Balance und Pferdenerven.
- Riemenenden kürzen, einschlaufen oder mit Gummis/Klett fixieren.
- Metallkarabiner nach Möglichkeit „entklappern“ (mit Stoff oder Tape umwickeln).
3.4 Mini-Balance-Check in 5 Schritten
- Sattel mit allem Gepäck fertig packen.
- Pferd auf ebenem Boden hinstellen.
- Vor das Pferd gehen und den Sattel von vorne anschauen – hängt eine Seite sichtbar tiefer?
- Den Sattel seitlich leicht kippen – fühlt sich eine Richtung deutlich schwerer an?
- Eine Runde im Schritt gehen, danach alles nachziehen und ggf. korrigieren.
4. Befestigungspunkte am Sattel – was darf, was nicht?
4.1 Geeignete Befestigungspunkte
- D-Ringe vorne und hinten (am Sattelbaum verankert).
- Zusätzliche Pack-Ringe oder Packbügel, die speziell für Gepäck vorgesehen sind.
- Gurtstrupfen als Durchführpunkt (nicht als alleiniger Zugpunkt).
- Beim Westernsattel: Conchos mit Lederschlaufen, zusätzliche Packring-Schrauben (fachgerecht montiert).
4.2 Problematische Befestigungspunkte
- Direkt an Schweißblättern oder Sattelkissen befestigen – hier ziehst du am Polster, nicht am Baum.
- Gurte/Taschen über Widerrist oder Schulter, die drücken.
- Alles, was den Sattelgurt am gleichmäßigen Anlegen hindert.
4.3 Typische Materialien für Befestigung
- Leder-Riemen – klassisch, robust, gut anpassbar.
- Biothane oder Gurtband – pflegeleicht, reißfest, wetterfest.
- Paracord – super für Notlösungen, für schwere Lasten aber nicht ideal (zu dünn, schneidet ein).
Grundsatz: Schwere Lasten mit breiten Riemen, leichte Dinge dürfen auch mit Paracord oder dünnerem Band befestigt werden.
5. Grundprinzipien der Befestigung: fest, aber pferdefreundlich
5.1 Immer mindestens zwei Fixpunkte
Eine Tasche, die nur an einem Punkt hängt, kann schaukeln wie ein Pendel.
- Mindestens zwei Befestigungspunkte pro Tasche (z. B. zwei D-Ringe oder D-Ring + Gurtstrupfe).
- Bei Rollen (Decke/Schlafsack) am besten drei Riemen: links, Mitte, rechts.
5.2 Scheuerstellen vermeiden
- Kontaktflächen zum Pferd weich, glatt und sauber halten.
- Keine Schnallen oder Karabiner mit der harten Seite zum Pferd.
- Ggf. weiches Tuch oder zusätzliche Decke als Puffer nutzen.
5.3 Geräusche minimieren
- Klappernde Metallteile können Pferde nervös machen.
- Metall-auf-Metall mit Band/Tape entklappern.
- Reißverschlüsse und Karabiner ggf. mit Stoff oder Gummi fixieren.
5.4 Kontrollstopp nach 10–15 Minuten
- Anhalten, absitzen.
- Gurte nachziehen, Taschen neu ausrichten.
- Riemen und Knoten prüfen – hat sich etwas gelockert?
6. Einfache Knoten & Riemen-Tricks für Sattelgepäck
Du brauchst kein halbes Segelschein-Repertoire, um Satteltaschen sicher zu befestigen. Drei, vier einfache Knotentechniken reichen völlig – vor allem solche, die auch mit kalten Fingern funktionieren, unter Last halten und sich trotzdem wieder lösen lassen.
6.1 Der Ankerstich
Einsatz: Um ein Band oder eine Kordel stabil an einem D-Ring zu befestigen, ohne dass es verrutscht.
So geht’s (mit Kordel):
- Kordel in der Mitte zu einer Bucht (U-Form) legen.
- Die Bucht von unten durch den D-Ring führen.
- Die beiden Enden der Kordel durch die Bucht zurückziehen.
- Festziehen – die Kordel liegt nun doppelt um den Ring, verrutscht kaum.
Extra-Sicherung: Mit einem halben Schlag um eines der losen Enden kannst du das Ganze zusätzlich sichern.
Visualisierung der Knotenführung:
6.2 Doppelter halber Schlag
Einsatz: Um Riemenenden an einem Ring oder an sich selbst zu sichern, damit nichts durchrutscht.
So geht’s:
- Riemenende um den D-Ring (oder eine Schlaufe) legen.
- Mit dem losen Ende einen halben Schlag machen: über das stehende Ende führen und durch die entstandene Schlaufe stecken.
- Noch einmal wiederholen – zweiter halber Schlag.
- Festziehen – der Knoten klemmt sich am stehenden Ende fest.
Visualisierung der Knotenführung:
6.3 Slipstek (schnell lösbarer Knoten)
Einsatz: Für Dinge, an die du häufiger ran musst – z. B. Regenjacke oder eine Decke, die tagsüber öfter an- und abgeschnallt wird.
So geht’s:
- Wie beim halben Schlag: Riemenende um den Ring legen.
- Statt das Ende durch die Schlaufe zu ziehen, formst du mit dem Ende eine kleine Bucht (Loop).
- Diese Bucht ziehst du durch die Schlaufe.
- Festziehen – du hast jetzt einen Knoten mit einer „Zugschlaufe“.
Zum Lösen musst du nur an der losen Schlaufe ziehen – der Knoten fällt in sich zusammen.
Visualisierung der Knotenführung:
6.4 Kompressions-Riemen für die Packrolle
Einsatz: Um eine Decke, einen Schlafsack oder Mantelrolle hinter dem Sattel sauber zu komprimieren und wackelfrei zu befestigen.
So geht’s:
- Rolle hinter der Sattelkante quer auflegen.
- Einen längeren Riemen mittig über die Rolle legen, unter den hinteren D-Ringen oder Packringen durchführen.
- Riemen durch die Schnalle ziehen und nach unten hebeln, um die Rolle zu komprimieren.
- Mit zwei weiteren Riemen links und rechts die Enden der Rolle sichern.
Visualisierung der Befestigung:
- Bild 1: Draufsicht: Rolle liegt hinter dem Sattel, mittlerer Riemen ist lose übergelegt.
- Bild 2: Seitliche Ansicht: Riemen wird über die Rolle nach unten gezogen, Pfeile zeigen die Kompressionsrichtung.
- Bild 3: Endzustand: Drei Riemen (links, Mitte, rechts) halten die Rolle, keine freien Riemenenden.
7. Schritt-für-Schritt: Deinen Sattel packen
Schritt 1: Inhalt sortieren
Lege alles, was mit soll, übersichtlich aus:
- Sicherheit: Erste Hilfe für Mensch und Pferd, Hufnotfall-Set, Messer.
- Wetter: Regenjacke, Handschuhe, Buff/Mütze.
- Pferd: Futterportionen, Hufschuhe, Ersatzstrick.
- Mensch: Snack, Wasser, Kamera, Handy, Powerbank.
Schritt 2: Gewicht klassifizieren
- Schwere Dinge: Wasser, Futter, Metall, Werkzeug.
- Mittelschwere Dinge: Hufschuhe, Kamera, kompakte Futterbeutel.
- Leichte Dinge: Regenjacke, Handschuhe, Karte, Handy.
Schritt 3: Platzierung planen
- Schwere/mittlere Dinge: in die Haupt-Satteltaschen, möglichst nah am Sattelzentrum.
- Leichte/sensible Dinge: nach vorne in Vordertaschen oder kleine Zusatzfächer.
- Voluminöse, leichte Dinge (Decke, Schlafsack): als Rolle hinter dem Sitz.
Schritt 4: Symmetrie bauen
- Alles, was links reinkommt, bekommt rechts ein vergleichbares Gewicht.
- Notfalls Wasserflaschen aufteilen: links 1 Liter, rechts 1 Liter, statt 2 Liter nur auf einer Seite.
Schritt 5: Befestigen mit Knoten/Riemen
- Haupttaschen: an den vorgesehenen Riemen befestigen, ggf. zusätzlich mit Ankerstich und doppeltem halben Schlag sichern.
- Rolle hinten: mit drei Riemen (links, Mitte, rechts) festzurren.
- Riemenenden: sauber einschlaufen oder mit Slipstek sichern, falls du sie häufiger lösen musst.
Schritt 6: Test im Stand
- Pferd auf ebenem Boden, Sattel von vorne und hinten ansehen.
- Mit der Hand Sattel seitlich „anstupsen“ – kippt er deutlich in eine Richtung?
Schritt 7: Test im Schritt & Nachziehen
- 10–15 Minuten Schritt reiten.
- Anhalten, Gurte nachziehen, Taschen neu sortieren, Knoten prüfen.
8. Typische Fehler – und wie du sie vermeidest
Fehler 1: Zu viel Gewicht am Sattel
Alles wird irgendwie an den Sattel gehängt, „weil es geht“ – bis Pferd und Sattel unter der Last leiden.
Lösung: Packliste kritisch durchgehen, Überflüssiges streichen, manches im Camp oder im Begleitfahrzeug lassen.
Fehler 2: Einseitige Gewichtsverteilung
Links Wasser, rechts nur ein Pullover. Dein Pferd merkt das – auch wenn du es anfangs nicht spürst.
Lösung: Immer in Paaren denken und Gewichte abwiegen.
Fehler 3: Taschen drücken auf Schulter oder Lenden
Satteltaschen hängen zu weit vorne und scheuern am Schulterblatt, oder zu weit hinten und schlagen in den Lendenbereich.
Lösung: Schulterblatt- und Lendenbereich frei halten, Taschenposition im Schritt und Trab beobachten (gern per Video).
Fehler 4: Klappernde Metallteile, baumelnde Riemen
Verunsichert das Pferd und nervt auf Dauer.
Lösung: Metall entklappern, Riemenenden konsequent einschlaufen oder kürzen.
Fehler 5: „Mal eben schnell“ mit einem Karabiner drangehängt
Ein einzelner Karabiner trägt plötzlich eine halbe Tonne, wenn das Pferd erschrickt und etwas hängen bleibt.
Lösung: Redundante Befestigung mit Riemen und ggf. Sollbruchstellen, statt alles an einem Karabiner zu sammeln.
10. Fazit: Gut gepackte Taschen = entspanntes Wanderreiten
Ein gut gepackter und sauber befestigter Sattel ist eines der größten Geschenke, die du deinem Pferd auf einer Wandertour machen kannst.
Wenn
- das Gewicht symmetrisch verteilt ist,
- alles mit sinnvollen Knoten und Riemen sicher fixiert ist,
- nichts klappert oder scheuert
- und du dir ein paar einfache Routinen angewöhnt hast,
dann könnt ihr beide euch auf das Wesentliche konzentrieren: stundenlang entspannt durch die Landschaft ziehen, statt ständig Taschen nachzuziehen oder dich über Druckstellen zu ärgern.

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