Tag 6 · Von Zaouit Aglou nach Sidi R’bat
Der vorletzte Tag vom Wanderritt in Marokko. Heute geht’s ans Meer.
Strandritt bei Ebbe, Morgenrot im Sattel und ein Dromedar als Überraschungsgast
Es ist noch dunkel, als wir in Tiznit mit den Koffern vor dem Hotel stehen und auf die Autos warten. Heute geht es am Atlantikstrand entlang – und weil bestimmte Abschnitte nur bei Ebbe passierbar sind, müssen wir früh starten.
Im Hotel gibt es um diese Uhrzeit natürlich noch kein Frühstück. Also frühstücken wir im Camp, während das Team bereits dabei ist, die Pferde vorzubereiten. Alles läuft leise und routiniert, fast wie ein eingespieltes Uhrwerk: Satteln, Gurte prüfen, Wasser verstauen – und dabei die ersten Minuten des Tages nicht verschwenden, weil heute das Zeitfenster am Meer mitentscheidet.
Dämmerung, Muezzin und ein Mond, der den Tag „aufzieht“
Als wir im Sattel sitzen, zeigt sich die Dämmerung gerade erst am Horizont. Aus einem Dorf in der Ferne beginnt der Muezzin zum Gebet zu rufen – dieser Klang, der hier einfach dazugehört, und der in der Früh eine ganz eigene Ruhe hat.
Und dann dieser Moment, der sich anfühlt, als würde jemand die Szene bewusst komponieren: Wir reiten dem (fast) Vollmond entgegen, während rechts der Himmel stetig röter wird. Noch ist die Sonne nicht aufgegangen – aber es ist bereits hell genug für den ersten Galopp. Der Sand trägt, die Luft ist kühl, und man spürt: Heute wird ein besonderer Tag.
Am Atlantik: mal unten am Strand, mal oben auf der Kante
Kaum ist die Sonne über dem Horizont, sind wir auch schon am Meer. Der Weg führt mal direkt am Strand entlang, mal ein Stück höher – und insgesamt nordwärts, entlang dieser langen, offenen Küstenlinie.
Der Strand ist menschenleer. Genau das macht es so intensiv: kein Verkehr, keine Geräusche außer Wellen und Hufschlag, keine Unterbrechung. Wir lassen die Seele baumeln und nutzen den Platz für den einen oder anderen Galopp – nicht „Tempo um jeden Preis“, sondern dieses freie Vorwärts, das sich hier fast von selbst ergibt.
Steine, die die Flut freigibt: der Grund für den frühen Start
An manchen Stellen bahnen wir uns am Wasser den Weg über Steine, die die Flut gerade freigegeben hat – genau deshalb waren wir so früh dran. Auf einigen liegt Seetang, aber sie sind überraschend griffig. Die Pferde sind trittsicher genug, um das mühelos zu meistern, und mit jedem sicheren Schritt wächst dieses Vertrauen, das man auf so einer Reise immer wieder neu erlebt: in die Tiere, in die Routine – und in den richtigen Zeitpunkt.
Sidi R’bat: Ankunft an der Mündung des Oued Massa
Am frühen Nachmittag erreichen wir Sidi R’bat – an der Mündung des Oued Massa, jenes Flusses, dem wir in den ersten Tagen schon mehrfach begegnet sind, ohne ihn immer sofort „als Linie“ zu erkennen. Der Kreis schließt sich hier auf eine schöne Weise: Das Wasser, das im Landesinneren oft nur als grüner Saum auffällt, trifft nun sichtbar auf den Atlantik. Dass dieser Bereich mitten im Souss-Massa-Nationalpark liegt, passt ins Bild: Dünen, Strand, Feuchtzone – alles in einem Übergang, der sich im Sattel besonders eindrücklich anfühlt.
Da wir unterwegs keine Mittagspause gemacht haben (das Team hätte mit Truck und Küche gar nicht sinnvoll an den Strand kommen können), holen wir die Pause erst am Ziel nach. Essen, durchatmen, einmal „ankommen“.
Nachmittag am Strand: Sundowner, Sonnenuntergang – und ein sehr neugieriges Dromedar
Gut gestärkt verbringen wir den Nachmittag und Abend am Strand und genießen später einen traumhaften Sonnenuntergang. Vom Geburtstag war noch etwas Gin und Tonic übrig – perfektes Timing für einen Sundowner.
Und dann passiert etwas, das man sich nicht ausdenken würde: Hinter uns Schritte im Sand. Ein Geräusch, das nicht hierher gehört – und ehe wir uns versehen, steht direkt an unserem Platz ein „Kamel“. Nein: ein Dromedar (ein Höcker, wir haben gelernt). Es beschnüffelt neugierig unsere Sachen, völlig selbstverständlich, als wäre es Teil der Gruppe.
Während wir noch überlegen, was es hier allein macht, kommt auch schon der Besitzer – offenbar mit einer kleinen Herde unterwegs – und holt es wieder ab. Sein Anbindeknoten hatte wohl nicht wirklich gehalten. Wir konnten uns mangels Arabischkenntnissen nicht groß verständigen, aber für eine Frage reichte es: Ob wir ein paar Bilder machen dürfen. Dürfen wir.
Abend im Camp – und das Hotel mit „Pferdeblick“
Es ist schon wieder dunkel, als wir zum Abendessen im Camp sitzen. Der Mond ist heute „nur“ noch fast voll, aber wieder präsent genug, um den Abend zu tragen.
Später machen wir uns auf den Weg ins Hotel. Dieses Mal liegt es direkt auf der anderen Straßenseite – und wir können aus dem Fenster die Pferde sehen. Nach einem Strandritt-Tag fühlt sich das wie die perfekte, ruhige Klammer an: drinnen Licht und Bett, draußen die Tiere, die den Tag genauso „abgelegt“ haben wie wir.
Etappendaten
- Strecke: 39,8 km
- Reitzeit: 4 h 52 min
- Mittagspause: keine (Pause erst am Ziel)
Ebbe & Flut – warum der Strandritt eine Zeitfrage ist
Warum das für uns heute entscheidend war
An Atlantikküsten können bestimmte Strandabschnitte bei Flut schlicht zu schmal werden – oder felsige Passagen liegen dann im Wasser. Bei Ebbe werden diese Bereiche frei und sind (bei passender Beschaffenheit) überhaupt erst sicher begeh- oder bereitbar.
Was am Strand „gefährlich“ werden kann (und wie man es entschärft)
- Steigende Flut im Rücken: Was bei Ebbe breit und harmlos wirkt, kann bei auflaufendem Wasser schnell „eng“ werden. Deshalb ist ein früher Start oft nicht Luxus, sondern Planung.
- Fels-/Steinpassagen: Bei Ebbe sind sie sichtbar; bei Flut werden sie rutschige Überraschungen.
- Weicher Sand: Je nach Feuchtigkeit trägt er sehr gut oder wird tief. Viele reiten lieber dort, wo der Sand durch Feuchte „gesetzt“ ist – aber ohne zu nah an die Brandung zu gehen.
Sidi R’bat – kleines Dorf, großer Naturraum
Wo liegt Sidi R’bat?
Sidi R’bat ist ein kleiner Ort an der Atlantikküste in der Region Souss-Massa, direkt an der Mündung des Oued Massa und im Zentrum des Souss-Massa-Nationalparks.
Warum ist das für Naturfreunde so bekannt?
Die Mündung und die umliegenden Feuchtflächen gelten als sehr wertvoller Lebensraum – unter anderem für Vogelbeobachtung. In vielen Beschreibungen wird der Bereich als besonders eindrucksvoll bei Sonnenauf- und -untergang genannt, weil Licht und Landschaft hier extrem „grafisch“ werden: Flussband, Dünen, Meer, Himmel.
Unser Eindruck nach dem Strandritt
Nach Stunden am offenen Meer wirkt die Flussmündung wie ein Kontrastprogramm: weniger Weite „nach vorne“, dafür mehr Struktur – Wasserläufe, Vegetationsbänder, Übergänge. Ein Ort, an dem man plötzlich versteht, warum diese Region nicht nur Küste ist, sondern ein komplexes Mosaik.
Oued Massa – wenn ein Fluss zum Ziel wird
Einordnung
Der Massa River/Oued Massa entspringt im Anti-Atlas und mündet bei Sidi R’bat in den Atlantik; dabei durchquert er den Souss-Massa-Nationalpark.
Warum er auf unserem Ritt immer wieder „auftaucht“
In trockenen Landschaften ist Wasser selten flächig sichtbar. Stattdessen zeigt es sich häufig als grünes Band: dort, wo ein Fluss (dauerhaft oder saisonal) die Vegetation hält. Dass wir am Ende tatsächlich an der Mündung stehen, ist deshalb wie ein logischer Endpunkt einer Linie, die uns schon Tage begleitet hat.
Souss-Massa-Nationalpark in einem Satz
Der Park wurde 1991 eingerichtet, umfasst rund 33.800 Hektar und schützt genau diese Mischung aus Küste, Dünen, Steppe und Feuchtgebieten, zu der die Oued-Massa-Zone gehört
Dämmerung am Meer: astronomisch, nautisch, bürgerlich – und warum unser Morgenritt genau so getaktet war
Als wir heute in Tiznit vor dem Hotel auf die Autos warteten, war es noch Nacht. Aufgestiegen sind wir dann zum Beginn der nautischen Dämmerung, und beim ersten Galopp war es bereits bürgerliche Dämmerung – genau dieses langsame „Hellerwerden in Stufen“ konnte man im Sattel richtig spüren.
Die drei Dämmerungsarten
Die Dämmerung wird astronomisch nicht nach Uhrzeit, sondern nach dem Sonnenstand unter dem Horizont definiert:
- Astronomische Dämmerung (Sonne ca. 18° bis 12° unter dem Horizont)
Das ist die „dunkelste“ Dämmerung. Der Himmel ist fast so dunkel wie in der Nacht, und nur am Horizont zeigt sich ein sehr schwaches Aufhellen. Für Astronomen beginnt/endet hier die echte Nacht, weil das Streulicht der Sonne noch spürbar ist. - Nautische Dämmerung (Sonne ca. 12° bis 6° unter dem Horizont)
Jetzt wird es sichtbar heller. Der Horizont lässt sich meist wieder erahnen – daher der Name: Früher war das die Phase, in der Navigation über Horizont und Sterne wieder sinnvoll wurde. Genau in dieser Stufe saßen wir heute im Sattel: noch kühl, noch still, aber schon mit klarer Kontur im Gelände. - Bürgerliche Dämmerung (Sonne ca. 6° bis 0° unter dem Horizont)
Das ist die alltagstaugliche Dämmerung: Es ist bereits so hell, dass man draußen vieles ohne künstliches Licht sehen und tun kann. Genau das war der Moment für unseren ersten Galopp – genug Licht, um den Untergrund sicher zu lesen, aber noch diese besondere Ruhe, bevor der Tag „laut“ wird.
Wie sich das heute angefühlt hat (und warum es zur Route passte)
- Abholung am Hotel: noch Nacht – die Stadt schläft, die Koffer stehen bereit, und der Strandplan hängt schon im Kopf an der Ebbe.
- Aufsteigen in nautischer Dämmerung: die Welt bekommt Konturen. Dazu der Ruf des Muezzin aus der Ferne und der (fast) volle Mond vor uns – ein Übergang, der sich nicht wie „Start“, sondern wie „Aufziehen“ anfühlt.
- Erster Galopp in bürgerlicher Dämmerung: genug Helligkeit, um sicher Tempo aufzunehmen, während der Himmel rechts bereits ins Morgenrot kippt.

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