Tag 7 · Letzter und längster Reittag: von Sidi R’bat zurück nach Laazib
Der letzte Reittag vom Wanderritt in Marokko, wir machen uns auf den Rückweg
Strand, Steilküste und sehr viele Kilometer – mit einem Moment, der uns allen kurz den Magen zusammenzog
Erneut ist es noch dunkel, als wir im Camp bei den Pferden frühstücken. Genau wie gestern geht die Sonne auf, während wir bereits im Sattel sitzen – und wieder fühlt sich dieser Start an, als würde der Tag langsam „aufgezogen“, statt einfach zu beginnen.
Heute gibt es gleich drei Gründe für den frühen Aufbruch:
- Wie gestern reiten wir am Strand entlang, und bestimmte Passagen sind nur bei Ebbe zugänglich.
- Wir müssen vor einem bestimmten Zeitpunkt einen Strandabschnitt passiert haben, den das Militär gelegentlich für Übungen nutzt.
- Und dann ist da noch der offensichtlichste Punkt: Heute liegen viele, viele Kilometer vor uns.
Man merkt es sofort: Das ist kein Tag für „mal schauen“. Das ist ein Tag mit Taktung.
Früh am Strand: nordwärts Richtung Agadir
Wir folgen dem Strand, immer nordwärts Richtung Agadir. Schon bald kommen wieder die ersten Steine, die die Flut freigegeben hat – und gewohnt trittsicher bewältigen die Pferde diese Passagen, als wäre es das Normalste der Welt.
Unterwegs passieren wir alte Fischerboote, die wie liegengebliebene Erinnerungen am Rand der Küste stehen. Und wir kommen an einer Stelle vorbei, an der einmal eine Siedlung gewesen sein muss, die heute nicht mehr existiert. Man erkennt es nicht sofort, aber wenn man genauer hinschaut: Reste, Strukturen, Spuren von „hier war mal Alltag“.
Nicht überall führt der Weg direkt am Meer entlang. Immer wieder gibt es Abschnitte, in denen die Steilküste den Strand „abschneidet“. Dann müssen wir nach oben ausweichen, ein Stück Abstand zur Brandung gewinnen – und später wieder hinunter, wenn es wieder geht.
Abwechslungsreicher als gedacht: Galopp und Felsen im Wechsel
Der Weg am Strand ist unglaublich abwechslungsreich. Gerade Flächen, die zu schnellen Galoppaden einladen, wechseln sich ab mit felsigen Abschnitten, die nur bei Ebbe überhaupt passierbar sind. Dieses ständige Umschalten macht den Ritt lebendig: Tempo, Linie, wieder Tempo – und zwischendurch die Konzentration, wenn der Boden „technisch“ wird.
Wir genießen die Zeit. Und bei einer dieser längeren Galoppaden entsteht dann auch das Galoppvideo, das viele schon auf YouTube gesehen haben.
Bis hierher ist es ein unbeschwerter Tag. Einer, der sich leicht anfühlt
Dann passiert das, wovor wir uns die ganze Woche insgeheim gefürchtet hatten
Und dann kommt der Moment, von dem wir immer dachten: Irgendwann passiert das mal.
Vom ersten Tag an hatten wir dieses merkwürdige Gefühl beim frei mitlaufenden Ersatzpferd (hatte ich ja im Bericht vom ersten Reittag bereits beschrieben). Nicht, weil es bisher schlecht gelaufen wäre – im Gegenteil: Es hat die ganze Woche über funktioniert. Aber irgendwo blieb im Hinterkopf dieses „Was, wenn es plötzlich abbiegt…?“
Genau das passiert.
Beim Galopp biegt das frei mitlaufende Pferd plötzlich nach rechts ab und verschwindet in den Dünen. Innerhalb kürzester Zeit ist es nicht mehr zu sehen. Ein Weg, dem wir nicht folgen können – und die Spuren verlieren sich schnell.
Unser Guide alarmiert das Team, das sich mit den Fahrzeugen sofort auf die Suche macht. Wir setzen unseren Weg fort – ohne Ersatzpferd. Dass unsere Route eine große Schleife macht und wir viele Stunden später wieder in die Nähe dieser Stelle kommen würden, wusste nur unser Guide. Für uns war es erst einmal schlicht: weiterreiten, ruhig bleiben, vertrauen.
Gegen Mittag: Ausläufer von Agadir und Strandabgang an einer Flussmündung
Wir folgen weiter dem Strand Richtung Norden. Gegen Mittag erreichen wir die Ausläufer von Agadir. An einer Flussmündung verlassen wir den Strand – vorher war das über weite Strecken wegen der Steilküste gar nicht möglich gewesen – und wechseln ins Landesinnere.
Kurze Zeit später erreichen wir unseren Mittagspausenplatz: einen Eukalyptuswald am Stadtrand von Agadir.
Mittagspause ohne großes Setup – weil das Team sucht
Heute wartet dort nicht wie sonst der LKW, kein aufgebautes Camp, keine komplett eingespielte Routine. Das Team ist weiterhin auf der Suche nach dem verschwundenen Pferd. Lediglich ein Jeep bringt das Essen, das die Köchin gezaubert hat – dazu Tische und Stühle und das Futter für die Pferde.
Also machen wir es gemeinsam mit unserem Guide: Pferde versorgen, Tische aufbauen, Stühle hinstellen, improvisieren, ohne hektisch zu werden. Es ist einer dieser Momente, in denen man merkt: So ein Ritt funktioniert nicht nur wegen Organisation, sondern auch, weil alle mit anpacken, wenn es nötig ist.
Aufregung in der Mittagspause – Teil 1 (wir sehen nichts, aber die Pferde wissen es)
Mitten in der Pause merken wir plötzlich, wie die Pferde unruhig werden. Nicht panisch – aber aufmerksam. Immer wieder gehen die Köpfe hoch. Die Ohren zeigen in dieselbe Richtung. Und dieses „Da ist was“-Gefühl hängt sofort in der Luft.
Wir schauen ebenfalls. Nichts. Keine Menschen, keine Tiere, keine Bewegung. Aber die Pferde bleiben dabei: Blick, Ohren, Spannung – wieder und wieder in dieselbe Richtung. Man fängt an zu überlegen: Ist da ein Hund? Ein fremdes Pferd? Irgendwas im Gebüsch?
Und dann – ein paar Minuten später – ist die Lösung plötzlich ganz profan:
Ein Schwein taucht auf und läuft einfach zwischen den Pferden hindurch, als würde es dazugehören. Genau das hatten sie also längst gerochen und gehört, lange bevor wir überhaupt eine Chance hatten, es zu sehen.
So schnell wie es gekommen ist, ist es auch wieder weg. Und genauso schnell kippt die Stimmung zurück: Die Pferde dösen wieder, als wäre nichts gewesen.
Aufregung in der Mittagspause – Teil 2 (die Nachricht, auf die wir gehofft haben)
Wir sind gerade mit dem Essen fertig, da klingelt das Handy unseres Guides. Wir verstehen das Sprachgewirr nicht, aber man sieht sofort: Das ist wichtig.
Und dann die Erleichterung: Ein Bauer hat unser freilaufendes Pferd eingesammelt. Wir würden auf dem Heimweg dort vorbeikommen und es abholen.
Das war der Moment, in dem die Anspannung wirklich abfällt. Nicht „Problem vergessen“, aber: Das Schlimmste ist vom Tisch.
Rückweg: jetzt nach Süden – oben auf der Steilküste
Als sich die Pause dem Ende neigt, räumen wir alles zusammen und verstauen es auf dem Jeep. Dann reiten wir weiter – jetzt in die entgegengesetzte Richtung: nach Süden. Nicht mehr unten am Meer, sondern oben auf der Steilküste.
Zunächst führt uns der Weg noch durch die Ausläufer des Waldes, dann tauchen die ersten landwirtschaftlichen Flächen auf – in der Art, wie wir sie auch am ersten Tag gesehen hatten. Ein Stück „zivilisierter“, ein Stück strukturierter, und doch immer noch weit.
Wiedersehen mit dem Ausreißer – an einem Ort, an dem wir ihn nie erwartet hätten
Bei einem der Betriebe halten wir an. Der Besitzer steht dort – und hat ein schwarzes Pferd an der Hand, das wir nur zu gut kennen.
Vor knapp drei Stunden war es unten am Strand verschwunden, kaum einen Kilometer Luftlinie entfernt – und jetzt steht es hier oben, geschniegelt, eingesammelt, als hätte es die ganze Zeit einen Plan gehabt.
Ob es wusste, dass es eine Abkürzung nach oben gibt und sich so ca 12 Kilometer sparen kann? Wer weiß. Wichtig war nur: Es ist unverletzt. Es wird schnell geprüft, alles ist in Ordnung – und wir sind wieder komplett.
Letzte Kilometer: Galopp, Quads – und dann ist Laazib plötzlich da
Es folgen noch der eine oder andere Galopp über die wieder einsetzende „Wüste“. An einer Stelle passieren wir eine Gruppe Touristen auf Quads, die zu einer Wüstentour aufgebrochen sind. Kurz ist es laut, kurz ist es Betrieb – und dann sehen wir, wie die lange Schlange am Horizont verschwindet und wieder Ruhe einkehrt.
Und irgendwann, fast ohne großes Vorzeichen, ist er da: der Ort, an dem wir am ersten Tag losgeritten sind.
Laazib.
Ziel.
Glücklich und traurig zugleich – weil Ankommen eben immer auch bedeutet, dass etwas endet.
Tee, Abschied, Rückfahrt nach Agadir
Es gibt noch Tee. Wir verabschieden uns vom Team, bedanken uns, sagen auf Wiedersehen – und merken in diesem Moment erst richtig, wie sehr uns diese Woche miteinander verbunden hat.
Dann bringen uns die Autos zurück nach Agadir ins Hotel. Morgen wartet noch ein Tag zur freien Verfügung, bevor wir übermorgen zurückfliegen. Aber das ist die nächste Geschichte – im nächsten Artikel.
Dieser letzte Tag hatte alles: die Weite und Freiheit des Strandes, die langen Kilometer, das perfekte Licht am Morgen – und dann diesen einen Moment, in dem aus Genuss plötzlich Ernst wird. Dass wir am Ende wieder vollständig in Laazib ankamen, macht den Tag nicht weniger intensiv, aber er bekommt dadurch eine runde Klammer: Vertrauen, Routine, Teamwork. Und als wir den Tee in der Hand hielten und uns verabschiedeten, war klar: Das hier war nicht nur eine Strecke – das war ein echtes Kapitel.
Tagesdaten
- Strecke: 63,10 km
- Reitzeit: 9 h 06 min
- Mittagspause: 1 h 30 min
Eukalyptus in Marokko: Warum es hier Wälder gibt, die „nicht europäisch“ wirken
Eukalyptus stammt ursprünglich aus Australien und wurde in vielen Regionen der Welt als schnellwachsende Nutzbaumgruppe eingeführt. In Marokko gibt es seit langem Eukalyptus-Forstwirtschaft, u. a. großflächige Bestände wie in der Mamora-Region, deren Bewirtschaftung bereits in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine Rolle spielte.
Eukalyptus wird wegen seines schnellen Wachstums wirtschaftlich genutzt (Holz, teils auch weitere Produkte), gleichzeitig wird international – und auch in wissenschaftlicher Literatur – regelmäßig über ökologische Nebenwirkungen diskutiert, insbesondere über Effekte auf Wasserhaushalt und Standortökologie, die stark von Art, Standort und Bewirtschaftung abhängen.
Für uns erklärt das auch das Gefühl im Sattel: Diese „Wälder“ wirken nicht wie europäische Wälder, weil Struktur und Unterwuchs anders sind. Es sind oft eher Baumstände im Sand mit viel Licht dazwischen – mehr Kulisse aus Stämmen und Kronen als geschlossener Waldraum.


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