Räuberromantik – Tag 3: Von Mernes nach Kleinkahl (Kahlquelle)
Nach einem ausgiebigen Frühstück machten wir uns wieder auf den Weg des Wanderrittes Räuberromantik. Heute war es tatsächlich noch wärmer als gestern. Zum Glück lagen viele Abschnitte im Wald – und genau das macht den Spessart an heißen Tagen so wertvoll: Schatten ist hier nicht Ausnahme, sondern Struktur.
Die Etappe auf einen Blick
- Etappe
- Tag 3 – von Mernes nach Kleinkahl an der Kahlquelle
- Wetter
- noch wärmer als am Vortag – der Waldanteil des Spessarts war Gold wert
- Vormittag
- lange Passagen im Gutsbezirk Spessart, einem gemeindefreien Waldgebiet
- Wege
- breite, befestigte Waldwege – gut für den einen oder anderen Galopp
- Mittag
- Picknick im Wald, die Pferde zwischen den Bäumen angebunden
- Nachmittag
- Querung der Bundesstraße B276 mitten in Bieber – warten, sammeln, gemeinsam hinüber
- Ziel
- Kleinkahl, mit Weideblick aus dem Zimmer
Vormittag: Gutsbezirk Spessart – Wald am Stück
Am Vormittag ritten wir im Bereich des Gutsbezirks Spessart. Man merkt sofort, dass hier „weniger Siedlung“ ist: lange Waldpassagen, wenig Unterbrechung, ein sehr gleichmäßiger Reisefluss. Nur selten mussten wir über Straßen reiten. Gerade in Ortschaften merkte man, wie sich der Asphalt zwischen den Häusern aufgeheizt hatte und wie sehr doch der Schatten hier fehlte. Aber schnell waren die Ortschaften hinter uns gelassen und wir waren wieder im Wald. Viele breite und befestigte Waldwege luden zu dem einen oder anderen Galopp ein.
Mittag: Picknick im Schatten
Die Mittagspause verbrachten wir im Wald. Pferde zwischen Bäumen anbinden, kurz durchatmen, trinken, essen. Ein Picknickplatz für Wanderer wurde unser Pausenlager – schlicht, aber genau richtig.
Nachmittag: Straßenquerung in Bieber
Bei Bieber überquerten wir im Ort die Bundesstraße B276. Wir mussten tatsächlich etwas warten, bis die Lücke im Verkehr groß genug war. Die Pferde machten das ganz brav: stehen, schauen, warten – und dann gesammelt rüber. Solche Querungen sind selten die spektakulären Momente, aber oft die, die im Nachhinein am meisten Stolz in die Gruppe bringen.
Abends: Kleinkahl – Weideblick aus dem Zimmer
Gegen Abend erreichten wir Kleinkahl. Auf der anderen Seite waren wir im Huckelheimer Wald und überquerten erneut die Grenze von Hessen nach Bayern. Wir sattelten ab und brachten die Pferde auf eine Weide – und konnten sie später sogar von unserem Zimmer im Gasthaus aus sehen. Ein kleines Detail, das sich wie Luxus anfühlt.
In der Nähe liegt außerdem ein Ort, der lange als geografischer Mittelpunkt der EU galt. Solche Punkte sind eigentlich abstrakt – bis man sie plötzlich in „seiner“ Landschaft verortet.
Gutsbezirk Spessart – Hessens gemeindefreies Waldgebiet im Naturpark
- Status: Der Gutsbezirk Spessart ist ein gemeindefreies Gebiet (Forstgutsbezirk) im Main-Kinzig-Kreis (Hessen) – verwaltungstechnisch gleichrangig neben den Kommunen des Landkreises, aber unbewohnt.
- Lage: Südosthessen, im Naturpark Hessischer Spessart, direkt an der Grenze zu Bayern. Die Grenze verläuft hier nicht „gerade“, sondern folgt historisch gewachsenen Gemarkungs- und Forstgrenzen.
- Fläche & Nutzung: Insgesamt ca. 8.930 ha; davon ca. 8.623 ha Waldfläche – das erklärt den Eindruck von „Wald am Stück“.
Warum die Grenzen so „zerfranst“ wirken
- Gemarkungs-Puzzle: Feldgemarkungen umliegender Orte (u. a. Alsberg, Mernes, Marjoß, Jossa) sind teils fast vollständig von den Waldflächen umgeben. Dadurch entsteht eine zerklüftete Grenzziehung, die auf Karten wie ein „Wald-Flickenteppich“ wirkt.
- Grenzraumlogik: Im Mittelgebirge wurden Nutzungsrechte (Holz, Jagd, Weide, Wege) historisch oft kleinräumig geregelt – solche Altstrukturen spiegeln sich bis heute in den Grenzlinien.
Entstehung: Forstgeschichte als Verwaltungsentscheidung
- Gründungsdatum: Der Gutsbezirk wurde zum 30. September 1929 gebildet – aus mehreren aufgelösten Forst-Gutsbezirken (u. a. Burgjoß, Forst; Marjoß, Forst; Salmünster, Forst; sowie Teile von Forst).
- Warum das wichtig ist: „Gutsbezirk“ heißt hier nicht Gutshof, sondern Forstverwaltungsraum. Die Einheit wurde geschaffen, um Waldflächen effizient und einheitlich zu verwalten.
Verwaltung heute: Wer ist in einem gemeindefreien Gebiet „zuständig“?
- Gutsvorsteher-Prinzip: In Forstgutsbezirken übernimmt typischerweise ein zuständiger staatlicher Forstbeamter die Funktion des Gutsvorstehers – also die „kommunalähnliche“ Zuständigkeit für den Forstgutsbezirk.
- Praktische Konsequenz: Forstliche Belange (Wege, Holz, Schutz) werden stärker „aus einem Guss“ geplant – man spürt das oft an der Kontinuität von Forstwegen und Waldmanagement.
Huckelheimer Wald – ehemals gemeindefreies Waldgebiet im nördlichen Spessart
- Einordnung: Der Huckelheimer Wald lag im nördlichen Teil des bayerischen Spessarts, unmittelbar an der Grenze zu Hessen.
- Fläche: Bis Ende 2018 war er ein 6,73 km² großes gemeindefreies Gebiet im Landkreis Aschaffenburg.
- Verwaltungsänderung: Seit 01.01.2019 ist das Gebiet nicht mehr gemeindefrei, sondern gehört zu den Gemeinden Kleinkahl und Westerngrund.
Landnutzung: Warum es sich „wie reiner Wald“ anfühlt
- Waldanteil: Der Bereich war zu 96,0 % bewaldet.
- Restflächen: Der verbleibende Anteil entfiel überwiegend auf Wege (ca. 2,3 %) und Unland (ca. 1,4 %).
- Konsequenz fürs Landschaftsbild: Sehr wenige Offenflächen – dadurch entsteht dieser typische Spessart-Eindruck: „Grünraum ohne Siedlungskanten“.
Lage & markante Punkte
- Bezugspunkt Huckelheim: Das Gebiet lag nordöstlich der Gemeinde Westerngrund, mit dem Ortsteil Huckelheim als Namensgeber.
- Erhebungen & Quellen: Als höchste Erhebung wird der Hohe Querberg genannt; an seinem Südwesthang liegt der Arzborn, die Quelle des Querbaches.
- Gemarkung: Die (damals gemeindefreie) Gemarkung trug den Namen Huckelheim (nicht zu verwechseln mit der gleichnamigen Gemarkung in der Gemeinde Westerngrund).
Geografischer Mittelpunkt der EU – warum er „wandert“
- Grundidee: Als „geografischer Mittelpunkt“ wird meist der Flächenschwerpunkt (Centroid) der EU-Mitgliedsfläche bezeichnet – vereinfacht: der Punkt, an dem man eine EU-Flächenform „ausbalancieren“ könnte.
- Wichtig: Es handelt sich um einen inoffiziellen Mittelpunkt, weil Ergebnis und Lage von Mitgliederzahl und teils auch von Berechnungsmethode abhängen.
Westerngrund (Oberwestern) – EU-Mitte ab 2013
- Datum: Nach dem EU-Beitritt Kroatiens am 01.07.2013 wurde der Mittelpunkt in der Gemeinde Westerngrund (Ortsteil Oberwestern, Landkreis Aschaffenburg) verortet.
- Markierung & lokale Bedeutung: Vor Ort wurde der Punkt touristisch/kommunikativ sichtbar gemacht (Tafel/Markierung) – ein Beispiel dafür, wie Geografie plötzlich Identität stiften kann.
- Feinverschiebung 2014: Der Mittelpunkt verschob sich Anfang 2014 lokal noch einmal um wenige hundert Meter, u. a. durch Veränderungen im EU-Gebietsstand (z. B. Mayotte als EU-Gebiet).
Gadheim (Veitshöchheim) – EU-Mitte seit dem Brexit
- Datum: Seit dem EU-Austritt des Vereinigten Königreichs am 31.01.2020 wird der Mittelpunkt im Ortsteil Gadheim der Gemeinde Veitshöchheim (Landkreis Würzburg) angegeben.
- Vor-Ort-Kennzeichnung: Der Punkt wird dort als kleine Anlage/Markierung im Gelände dargestellt – bewusst symbolisch, aber für Besucher greifbar.
- Was man daraus lernt: Politische Entscheidungen verändern nicht nur Karten – sondern sogar solche „Kuriositäten“ wie Mittelpunkte. Genau deshalb sind sie ein spannendes Reise-Detail.
Kahlquelle – eine „Schichtquelle“ im Buntsandstein
- Was ist die Kahlquelle? Die Kahlquelle ist eine Schichtquelle: Wasser sickert durch Klüfte im Buntsandstein und wird durch eine darunter liegende, weniger durchlässige Schicht (tonig) am weiteren Versickern gehindert – dadurch tritt es als Quelle wieder aus.
- Warum das geologisch spannend ist: Man kann hier sehr anschaulich beobachten, wie Gesteinsschichten die Wasserwege steuern: durchlässig oben, „dichtender“ Horizont darunter – und genau an dieser Grenze entsteht die Quelle.
Die Kahl als Spessart-Fluss
- Rolle im Naturraum: Die Kahl zählt zu den größeren Fließgewässern des Spessarts und entwässert den nordwestlichen Gebirgsteil.
- Länge & Gefälle (anschaulich): Die Kahl ist rund 40 km lang und überwindet von Quelle bis Mündung etwa 200 Höhenmeter.
- Mündung: In den Main bei Kahl am Main; dort liegt laut regionaler Darstellung der tiefste Punkt Bayerns bei etwa 102 m.
Warum Quellenorte für Reisende „mehr“ sind als nur ein Fotopunkt
- Hydrologische Logik: Quellen sind die „Startpunkte“ von Talräumen – und damit oft auch Startpunkte von Wegen, Siedlungen, Mühlen- und Nutzungslandschaften.
- Ökologischer Hotspot: Quellbereiche sind häufig kühl-feucht, artenreich und empfindlich – selbst bei Sommerhitze entsteht hier ein kleines Mikroklima.
Die Querung der B276 mitten im Ort war kein spektakulärer Moment – aber einer, bei dem alles sitzen muss. Worauf es beim Straßenüberqueren und Reiten durch Ortschaften ankommt, steht im Ratgeber.
Häufige Fragen zu Tag 3
Warum ist der Spessart an heißen Tagen so angenehm zu reiten?
Weil Schatten dort keine Ausnahme ist, sondern Struktur. Der Vormittag führte durch den Gutsbezirk Spessart – Wald am Stück –, und auch die Mittagspause fand zwischen Bäumen statt.
Was ist der Gutsbezirk Spessart?
Ein gemeindefreies Gebiet im hessischen Main-Kinzig-Kreis: rund 8.930 Hektar, davon etwa 8.623 Hektar Wald, verwaltungstechnisch gleichrangig neben den Kommunen des Landkreises, aber unbewohnt. Gebildet wurde er am 30. September 1929 aus mehreren aufgelösten Forst-Gutsbezirken. „Gutsbezirk“ meint hier keinen Gutshof, sondern einen Forstverwaltungsraum.
Wie quert man mit einer Reitergruppe eine Bundesstraße?
Warten, bis die Lücke im Verkehr groß genug für die ganze Gruppe ist – und dann gesammelt hinüber. In Bieber war das die B276. Solche Querungen sind selten die spektakulären Momente, aber oft die, auf die eine Gruppe hinterher am meisten stolz ist.
Wie oft wechselt der Ritt zwischen Hessen und Bayern?
Mehrfach. Der Trail verläuft im Grenzraum, und die Grenze folgt hier keiner geraden Linie, sondern historisch gewachsenen Gemarkungs- und Forstgrenzen. An Tag 3 ging es im Huckelheimer Wald erneut von Hessen nach Bayern.

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